Schokoladenaktion Aachen - eine ökumenische Initiative
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Schokoaktion Aachen
 
 
 
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Fairer Handel stärkt die Kleinbauern in den Erzeugerländern, verbessert ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, etwa wenn sie Kakao für unsere Schokolade ernten. Foto: gepa

Fairer Handel tut auch Schokolade gut: Diese Botschaft verkündet die „Schokoladenaktion“ des Bistums Aachen und der Evangelischen Kirchenkreise Aachen und Jülich. Erfahren Sie mehr auf dieser Webseite. Wir halten Sie hier auf dem Laufenden, stellen Ihnen Materialien, Initiativen und Stimmen zur Aktion vor.


 
 
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Sympathische Botschafter für den Fairen Handel - Friederike Peters, Elsa Papa und Alfredo Tangoy aus Ecuador sowie Thomas Hoogen vom Bistum Aachen (v.l.n.r.). Welche Erfahrungen die Gäste aus dem fernen Land bei uns machten, schildert nun Friederike Peters in einem lebendigen Bericht. Foto: Thomas Hohenschue

Vollbild

 
 

 

Ermutigt, trotz der Größe der Probleme

Erfahrungsbericht von Friederike Peters zu der Rundreise ecuadorianischer Gäste im Bistum Aachen

Drei Wochen lang reisten im November 2011 drei Gäste aus Ecuador durch das Bistum Aachen. Elsa Papa, Alfredo Tangoy und Friederike Peters berichteten in Schulen, Bildungshäusern, Gemeinden und Gruppen aus erster Hand über die Lebensverhältnisse und Zukunftsperspektiven von Kakaobauern. Nach ihrer Rückkehr verfasste Entwicklungssoziologin Friederike Peters einen Reisebericht, den die Schokoladenaktion auf ihrer Internetseite dokumentiert.

Begegnungen

In Aachen, kurz nach unserer Ankunft fragt mich Elsa: „Gibt es hier auch Zeit - so Stunden und Monate und so?“ Ja, hier gibt es Zeit. Nur beträgt der Unterschied 6 Stunden. Wenn es in Deutschland 8 Uhr morgens ist, ist es in Ecuador gerade 2 Uhr nachts. Drei Tage später in einer Schule der Umgebung, als Elsa und Alfredo vom Leben der Kakaobauern erzählen, fragt ein Schüler ganz verunsichert: „Gibt es in Ecuador auch Uhren und Stunden und so?“ Ja, auch in Ecuador gibt es Uhren und Stunden. Zweimal dieselbe Frage, dieselbe Antwort und doch bleibt auf beiden Seiten das Gefühl zurück, zwei verschiedene Welten vor sich zu haben, die irgendwie anders ticken.

Hauptbahnhof Aachen – 7:45 – unser Zug fährt um 8 – Fahrkartenautomat!!! – verflixt, ich war mal wieder zu lange im Ausland – hab schon wieder vergessen, wie der funktionierte - glücklicherweise eine Frau am Schalter – Ticket ziehen, Schlange stehen – das kennen wir aus Ecuador. Als ich dran bin, werde ich sofort abgeblitzt und weggeschickt. Der Schalter sei nur für lange Strecken – an den Automaten wäre jemand zum Helfen. Nachdem dieser Jemand aufgetaucht ist, macht der drei bis fünfmal klick, klick, klick und reicht uns das Ticket mit einer Geste, die uns deutlich zu verstehen gibt, dass wir vom Mond kommen und die uns kein bißchen hilft, es beim nächsten Mal allein zu können. Plötzlich Alfredos Kommentar: „Wenn statt der Automaten mehr Leute am Schalter arbeiten würden, ging es besser und die wären nicht arbeitslos!“ Grad gestern hatten wir darüber gesprochen, dass es auch in Deutschland nicht allen Menschen so gut geht wie es zunächst scheint, vor allem dann nicht, wenn sie arbeitslos werden - - -
Wir gehen hoch zu den Gleisen. Zum ersten Mal im Leben sehen die beiden einen Zug und wir fahren damit, Genuß in vollen Zügen.

„Zieh da besser noch einen Anorak drüber!“ sage ich zu Alfredo. Nein, er friert nicht. Wir gehen auf den Platz. Es ist der 11.11. kurz vor 11 Uhr. Die Temperatur liegt etwa bei 5° Celsius, plötzliche Windstösse fegen selbst die besten Schirme vom Platz und der Aachener Nieselregen legt sich sanft aber unaufhörlich auf die Uniformschultern und in die breiten Krägen. Ein Preußengeneral starrt todernst von seinem edelschwarzen Hengst, ein intellektuell aussehendes Brillengesicht hat eine Entenkappe auf dem Kopf und auf der Bühne stimmt eine Stimme im Rock, der so rot ist wie das Mondgesicht in ein Lied ein, das von der Kapelle gegen den Wind gespielt wird. Karnevalsauftakt im Rheinland. Elsa und Alfredo hören, staunen und frieren bis auf die Knochen. Nach einer halben Stunde bitten sie mich, schnell wieder zurück zu gehen. Als wir in die warme Stube kommen – Schock - die Ohren tun entsetzlich weh!!! Was ist das??? Gaaanz ruhig – die Ohrenspitzen müssen einfach nur langsam auftauen - - -

Presseinterviews – Nachdem Elsa erzählt hat, wie schwierig das Mahlen der gerösteten Kakaobohnen mit dem Fleischwolf ist, sagt eine aus der Runde: „Da hab ich eine Idee! Kaufen Sie doch hier in Aachen so eine tolle Küchenmaschine. Damit geht das wunderbar!“ Schallendes Gelächter, das wir drei und die, die uns bereits öfter gehört haben, nicht zurückhalten können. Wir erklären die Situation, denn sie kann ja nicht wissen, dass es in den meisten Dörfern am unteren Napo keinen oder nur jeweils für wenige Stunden im Monat Strom gibt, dass genau dies eins unserer Probleme ist. Ein anderer Kollege fragt: „So, richtig wilde Tiere gibt es aber bei Ihnen im Wald nicht, oder?“ Ich verstehe nicht, und frage: „Welche meinen Sie?“ „Ja, so Wildschweine und Hirsche!“ Ich lache nicht mehr und sage nur kurz, doch, die gäbe es auch. Im Stillen denke ich: Puma, Tapir, Schlangen und Krokodile laß ich heut mal außer acht - - -

Die Einladung

Alfredo und Elsa, zwei Kakaobauern aus dem Pfarreigebiet, in dem ich arbeite, haben mit mir den November letzten Jahres in Aachen und Umgebung verbracht. Die evangelischen Kirchenkreise Jülich und Aachen und mein Heimatbistum Aachen hatten uns drei zur Teilnahme an der Schokoladenaktion eingeladen, die die Erhöhung der Produktion von fairer Schokolade gerade im Umkreis der Süßwarenstadt Aachen fördern möchte. Wir bringen die Stimme der Menschen hinein, die am Napofluss in Familienbetrieben den wertvollen Aromakakao produzieren, der Ecuador gerade auf diesem Gebiet zum Weltmarktführer macht, ohne dass die Produzenten bisher einen Nutzen davon hätten. Im Rahmen der Aktion sind wir gebeten worden, beim Hearing mit Produzenten, Fabrikanten und Experten mitzusprechen sowie in Schulen und Pfarreien vom Leben der Kakaoproduzenten zu berichten. Außerdem suchen wir Möglichkeiten, in Tat und Praxis, die Kakaobohnen vom Napofluss in den fairen Handel einzubringen.
Alfredo, der nicht nur Kakaobauer, sondern zugleich der Direktor des Tourismus-Netzes ist, das den Bauern eine zusätzliche Einnahmequelle zu vermitteln versucht, spricht auch darüber. Wir möchten Verbindungen zu Menschen anknüpfen, die den Tourismus in den Dörfern am unteren Napo ausprobieren und bekannt machen.

Viel mehr Gruppen und Schulklassen als wir erwartet hatten, haben uns eingeladen zu erzählen, wie die Kakaobauern und ihre Familien am Napofluss tatsächlich leben, haben Fragen gestellt zum Kakao, konnten den echten Aromakakao riechen, schmecken und Fotos dazu ansehen, wie er angebaut und verarbeitet wird. Auch zur Fernschule, zum Tourismusprojekt und zur Erdölproblematik, von der an dieser Stelle schon mehrmals die Rede war, sind wir auf offene Ohren, Herzen und viel Interesse gestoßen.

Buschmesser und Pirañas

„Was macht die Frau da mit dem langen Messer???“ Die Frage kennen wir schon, es ist die zweite der Hauptfragen fast aller Schüler/innen zu Alfredos Fotoserie. Antwort: „Das ist Rebeca, meine Frau, sie schält sich gerade eine Apfelsine!“ „Schneidet sie sich nicht in die Hand? Schälen die Kinder auch damit die Apfelsinen?“ „Was machen sie, wenn sie sich schneiden und kein Docktor ist da?“ Die Machete, das lange Allzweck-Buschmesser der Südamerikaner/innen ist der Aufwecker. Die ist sooo lang und sieht sooo gefährlich aus, dass man sich in Deutschland kaum vorstellen kann, wie jemand damit irgend etwas schneidet, ohne sich zu verletzen. Die vom Napofluss wundern sich, dass man sich wundert - - -

Jetzt die absolute Spitzenreiterfrage fast aller Gruppen und Klassen – an Alfredo:
„Wie können die Touristen in den Lagunen schwimmen, ohne dass die Pirañas sie fressen???“ Alfredos Antwort mit dem typischen Grinsen im Mundwinkel: „Nicht die fressen uns, sondern wir essen sie!“ Und er erklärt ihnen, dass die Naporuna die Lebensweise der Pirañas kennen, wissen, wo sie leben und, dass sie nur zubeißen, wenn sie bereits vom Blut angelockt werden. Das gerade ist ja der Reiz des Tourismus im Amazonasgebiet, dass man unter Führung erfahrener Indianer, Tiere und Pflanzen, Wege, Flüsse, Menschen und Kulturelemente kennenlernen kann, mit denen wir als Europäer sonst nicht umgehen können, die uns aber doch faszinieren und herausfordern. Alfredos Einladung heißt: „Kommen und miterleben!“ Selbst den Strom gibt es in den Touristenunterkünften bereits. Kleine Sonnenkollektoren sorgen für Beleuchtung am Abend – falls jemandem die 1000 Sterne zu wenig scheinen oder man doch noch schnell die Kamerabatterie aufladen muss, um die Fotojagd fortzusetzen - - -

Schokosplitter – zart und bitter

Diejenigen von euch und Ihnen, die am 17. November beim Hearing der Schokoladenaktion Aachen dabei waren, haben miterlebt, wie uns gerade bei unseren Statements sehr offene Ohren entgegenkamen. Sie haben miterlebt, wie dem Vertreter der Süßwarenindustrie rund 6100 unterschriebene Postkarten aus der Region überreicht wurden, die mehr faire Schokolade aus dem Rheinland gefordert haben. Ein ermutigendes Zeichen.

In der Diskussion bekamen jedoch die Fragen der westlichen Welt ein enormes Übergewicht. Sie drehten sich rhetorisch und technisch versiert um präzise Standards der Siegelverleihung, mit Hilfe derer sich anscheinend Positionen von Experten und Institutionen im Bekanntheits- und Machtspektrum des Fairen Handels nach vorne bringen lassen. Solange die Siegelexperten streiten, schafft die Süßwarenproduktion doch gleich eigene Siegel und verpackt darin Faires, vielleicht nicht so Faires, Organisches und vielleicht nicht so Organisches in selbst geschaffener Zartbittermischung. Und der Weltmarktpreis bleibt weiterhin doppelt so hoch wie der, den die Bauern vom Napo bekommen.

Die Hilfswerke und Organisationen des Fairen Handels, von denen wir sehr zuvorkommend behandelt werden, sind zwar angetreten mit der Devise des direkten Handels mit den Bauern, bewegen sich aber inzwischen in einer Größenordnung, die die Kakaobauern der gesamten Provinz Orellana zwingen würde, mit mindestens zwei weiteren Provinzen zusammenzuarbeiten, damit die Menge der lieferbaren Kakaobohnen auch nur wert wäre, in Augenschein genommen zu werden. Zudem müßte die gesamte lokale, provinziale und überprovinziale Organisation von den Bauern selbst übernommen werden ohne jede Zusage oder gar Kaufbindung und das in einem Gebiet, wo mindestens die Hälfte der Bauern nur per Boot und ohne Telefon und Internet erreichbar ist, Bauern normalerweise nicht über Geld oder Kredit verfügen und deshalb hauptamtliche Kräfte nicht bezahlt werden können. Bei der Frage, ob zuerst die Organisation vorhanden oder zuerst eine Vertragszusage für kleinere Mengen etwa in 2 Jahren in Aussicht gestellt werden muss, bleiben wir hängen wie an der Frage, ob das Huhn oder nicht doch das Ei zuerst da waren?! - - -

Schokopaste - zurück in Samona

Was tun? Elsa hat immer wieder von den Schwierigkeiten berichtet, die eine kleine Schokoladenrohpastenfabrik in ihrem Dorf hat, weil sie von verschiedenen internationalen Hilfswerken Maschinen bekam und Baumaterial, eine kleine Fabrik mit eigenen Händen aufgebaut hat und dann sitzen gelassen wurde ohne Stromgenerator, ohne Unterstützung bei der Legalisierung ihrer Fabrik und ohne Vermarktungsmöglichkeiten, die man ihnen versprochen hatte. Das Interesse der Schüler/innen hat auch ihre Motivation neu angestachelt. Es muss noch einmal losgehen. Wieder von vorne!!! Seit zwei Jahren hat sich niemand mehr um die Fabrik gekümmert, sie ist als aussichtslos eingestuft. Kaum waren wir zurück in Coca, noch bevor wir in unsere Dörfer zurückfuhren, sind Elsa und ich zu der Organisation, die Unterstützung zugesagt, angefangen und hängengelassen hat. Die Legalisierung muss durchgeführt werden. Die Schuld wird bei anderen gesucht. Es interessiert nicht, wer Schuld hat, jetzt muss es neu anfangen und dazu braucht die Gruppe verbriefte Eigentumsrechte. Kaum ist Elsa in Samona hält sie eine Versammlung der Schokogruppe ab, erzählt von der Idee des fairen Handels, vom Interesse in Deutschland, verteilt Printen aus Aachen und besteht darauf, dass die Leitung der Gruppe neu gewählt wird. Bolivar, ihr Mann, der nach langer Krankheit wieder einsteigen will, wird gewählt. Das gibt Mut und Hoffnung. Bolivar hat vor seiner Krankheit bewiesen, was er als Leiter kann. Aber Samona braucht auch einen Stromgenerator – und hofft dafür auf Hilfe aus Deutschland - - -

Gastfreundschaft

Wir haben Begegnung gesucht und sind einem zeitweise atemberaubenden und in diesem Umfang nicht erwarteten Interesse und einer ebensolchen Gastfreundschaft begegnet. Menschen haben uns transportiert, Betten und Küchen überlassen, Essen für uns zubereitet, mit uns gegessen, Schuhe getrocknet und Wäsche gewaschen, Ohren und Augen offen gehabt und Kulturprogramme für uns organisiert. Menschen haben für uns die Terminplanung übernommen, die informative und gute Pressearbeit, die Finanzen und Teile der Übersetzungsarbeit. Alle Namen aufzuzählen, würde den Rundbrief sprengen. Ich möchte nur einen nennen ohne den diese Reise entweder unmöglich, schwierig, auf jeden Fall aber salzlos geworden wäre: Thomas Hoogen vom Referat Weltkirche im Bistum Aachen.
Allen von Herzen Dank!!!

Ihr und Sie haben auch unsere Motivation angefeuert - weitermachen – trotz der Probleme und der schwierigen Situation am Napofluss.

„Wer aufhört zu kämpfen, hat schon verloren!“ Misereor Leitwort


Von Friederike Peters

Veröffentlicht am 12.03.2011

 
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